Wenn kartoffeln streiken… Heute wurde die verkehrsgesellschaft frankfurt am main bestreikt. Das nervt natuerlich erstmal tierisch, wenn mensch (wie ich) kein auto besitzt und daher um irgendwo hin zu kommen laufen oder ein fahrrad benutzen musz. Streiks fuer einen hoeheren lohn sind zwar in keiner weise emanzipatorisch oder auch blosz antikapitalistisch, aber dennoch habe ich durchaus verstaendnis dafuer. Waere ich u-bahn-fahrer, haette ich mich auch beteiligt. allein schon, weil mensch dann einen zusaetzlichen freien tag bekommt.

Aber dennoch steht dieser warnstreik mit seiner auszchlieszlich symbolischen wirkung – wie so viele streiks zuvor – exemplarisch fuer die postnazistische art zu streiken in deutschland. der sinn eines streiks ist es (sofern es kein politischer ist), dasz der arbeitgeber sich durch den streik gezwungen sieht, den forderungen der lohnabhaengigen nachzugeben. Eigentlich funktioniert das so, dasz die streikenden so hohe finanzielle belastungen bei ihrem arbeitgeber verursachen, dasz dieser irgendwann vor der wahl steht, pleite zu gehen oder nachzugeben. Ein warnstreik ist dabei ausdruck der hoffnung, dasz der arbeitgeber schon nachgibt, wenn die lohnabhaengigen beweisen, dasz sie einen tag lang streiken koennen. Mehr kann auch in diesem fall gar nicht erreicht werden, denn die finanziellen einbuszen der vgf duerften minimal sein. Besitzer von dauerkarten haben fuer den tag ja trotzdem bezahlt. Auch ist fraglich, ob sie nicht ganz automatisch auch anteile aus einzelfahrscheinen erhaelt, die an diesem tag geloest wurden, um die s-bahn und regionalzuege der db zu benutzen.

Die streiks im postnazistischen deutschlands funktionieren typischerweise fast immer in dieser symbolischen weise. Warnstreiks gibt es dauernd, „richtige“ streiks sind selten und werden fast nur von berufsgruppen durchgefuehrt, die relativ ueberschaubar sind, ohne die aber nichts geht. nicht nur auf bahnfahrer, sondern noch in deutlich staerkerem masze trifft dies auf piloten zu.
Streiken bestimme gruppen von lohnabhaengigen laengere zeit, weil der arbeitgeber hart bleibt, schwenkt die oeffentliche meinung sehr bald dazu ueber die streikenden als volksverraeter zu sehen. So geschehen etwa bei den streiks der lockfuehrer der deutschen bahn vor etwa einem jahr. Zunaechst war das mediale echo relativ verstaendnisvoll, aber schon sehr bald wurde die berichterstattung immer ablehnender, weil die streikenden einfach weitermachten und nicht nachgeben wollten.

Der unterschied zu anderen europaeischen laendern (zum beispiel frankreich) ist offensichtlich. Die frage ist nun dabei, woran das liegt. hier erscheint die idee der nationalsozialistischen “volksgemeinschaft“ als erklaerungsmuster aeuszerst plausibel. Sie war die antwort der nationalsozialisten auf den gegensatz von arbeiterklasze und kapitalisten. Beide gruppen wurden zur „volksgemeinschaft“ verschmolzen, indem die nazis aeuszere feinde schufen bzw. herbeiimaginierten und als projektionsflaeche nutzten. Die widersprueche im kapitalismus wurden zwar in keiner weise auszer kraft gesetzt, aber es wurde ein klima geschaffen, indem die kategorie “deutscher“ als unteilbar gesehen und feinde nur auszerhalb dieser kategorie ausgemacht wurden. Verantwortlich fuer die probleme deutscher arbeiter waren nach dieser logik typischerweise die “goldene internationale“ (liberaler kapitalismus) und die “rote internationale“ (bolschewismus/sozialismus), als verschwoerungen des “weltjudentums“ gegen die “arier“. Streiks gegen deutsche arbeitgeber machen in einem solchen gefuege natuerlich keinen sinn. Solche gegen juedische unternehmer sind sehr bald auch nicht mehr moeglich gewesen, da alle enteignet (und viele auch ermordet) worden waren. Somit gab es gar keine arbeitskaempfe mehr, denn nun war die deutsche wirtschaft ja wieder “arisiert“ und jede, der ihr lohn zu niedrig war, war blosz eine juedische agentin, die zersetzende propaganda ins deutsche volk tragen wollte.

Im postnazistischen deutschland nach 1945 besteht die volksgemeinschaft in den koepfen der menschen weiterhin fort und wurde von einer genration an die naechste weitergegeben. Es gab natuerlich modifikationen, um den gedanken den veraenderten umstaenden anzupaszen. Den meisten vertretern des gedankens der volksgemeinschaft ist auch gar nicht bewuszt, welche motivation ihrem handeln da eigentlich wirklich zugrunde liegt. Nichts desto trotz handelt es sich noch immer zum ein zentrales element deutscher zustaende und befindlichkeiten, der von einem groszteil der bevoelkerung reproduziert wird. In diesem kontext scheint auch das zoegerliche verhalten von lohnabhaengigen in deutschland logisch, den arbeitgeber – wenn ueberhaupt – fast immer nur symbolisch zu bestreiken. Die streikenden wollen keinen bruch innerhalb der volksgemeinschaft herbeifuehren, sondern hoffen letztlich darauf sich weiterhin mit ihren arbeitgebern unter dem banner des deutschtums tummeln zu koennen. Und selbst wenn die jeweiligen lohnabhaengigen diese deutsche verfasztheit mal nicht reproduzieren wuerden, haetten sie noch immer aus genau diesen gruenden die oeffentliche meinung gegen sich, was einen erfolgreichen streik zumindest enorm erschwert.


1 Antwort auf “”


  1. 1 Ich vs. Racket Reallity « Lampe Pingback am 06. März 2009 um 18:28 Uhr
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